Chroma Manga

Panels und Leserichtung

Du lernst, wie du Panels, Sprechblasen und Einstellungsgrössen so anordnest, dass dein Leser deine Seite ohne Stocken von rechts oben nach links unten liest.

20 Min.

Eine Manga-Seite ist keine Sammlung von Bildern, sondern ein Weg für das Auge. Ist dieser Weg klar, liest man deine Seite, ohne darüber nachzudenken. Ist er unklar, stockt der Blick, springt zurück, und selbst die beste Zeichnung verliert ihre Wirkung. In dieser Lektion geht es genau darum: wie du die Bausteine der Seite – die Panels, japanisch Koma – so anordnest, dass der Blick von selbst läuft.

Rechts oben beginnt das Auge

Im japanischen Manga liest man von rechts nach links. Das Heft öffnet sich auf der anderen Seite als ein Roman, und die erste Seite liegt rechts. Auf der Seite selbst beginnt das Auge oben rechts und endet unten links. Innerhalb einer Reihe kommt zuerst das Panel, das am weitesten rechts sitzt; danach wandert der Blick nach links und eine Reihe tiefer wieder nach rechts aussen.

Das gilt auch für die Sprechblasen, japanisch Fukidashi. In einem Panel wird zuerst die Blase gelesen, die am weitesten oben und rechts liegt. Wenn zwei Figuren reden, überlegst du also vorher, wer zuerst spricht, und setzt diese Blase rechts. Sonst antwortet dein Bild, bevor die Frage gestellt ist.

Ein Detail, das Anfänger oft übersehen: Der Abstand zwischen den Panels erzählt mit. Schmale Zwischenräume binden Bilder zu einem Moment zusammen, breite bedeuten einen Zeitsprung. Halte den Abstand innerhalb einer Reihe eher schmal, etwa drei Millimeter, und zwischen den Reihen deutlich breiter, sechs bis acht Millimeter. Dann liest das Auge Reihe für Reihe, statt senkrecht durchzurutschen.

Westlich oder japanisch – entscheide vorher

Die westliche Richtung von links nach rechts ist keine schlechtere Wahl, sie ist nur eine andere. Wichtig ist, dass du dich entscheidest, bevor du das erste Panel zeichnest, und dann konsequent bleibst. Gemischte Seiten sind der häufigste Grund, warum Leser hängen bleiben. Willst du für ein westliches Publikum zeichnen und trotzdem den Manga-Look: Spiegle das Layout, nicht den Stil. Panels von links oben nach rechts unten, Blasen entsprechend – Panelformen, Einstellungen und Effekte bleiben, wie du sie hier lernst.

Schrift in der Blase

Japanische Schrift steht traditionell senkrecht: Die Zeichen laufen von oben nach unten, die Spalten von rechts nach links. Deshalb sind Manga-Blasen oft hoch und schmal, fast wie ein aufgestelltes Ei. Schreibst du in lateinischer Schrift, brauchst du das Gegenteil, nämlich eher breite, liegende Ovale, weil deine Zeilen waagrecht laufen.

Praktisch heisst das: Schreib den Text zuerst, wenigstens als Platzhalterlinien mit der richtigen Zeilenzahl, und zeichne die Blase danach darum herum. Wer die Blase zuerst setzt, quetscht später Wörter hinein oder lässt die Hälfte leer. Lass ringsum etwa zwei Millimeter Luft zwischen Text und Rand, und richte den Zipfel der Blase zur sprechenden Figur: kurz, spitz, klar auf den Mund zeigend.

Panelformen als Tonfall

Ein rechteckiges Panel ist ruhig und neutral. Kippst du den Rahmen um fünf bis fünfzehn Grad, wird die Szene unruhig – ideal für Action, Schreck, Sturz. Zwei oder drei schräge Panels nebeneinander wirken wie ein Stolpern. Setz sie gezielt ein und lass die Schräge in die Leserichtung zeigen, damit der Blick nicht ausgebremst wird.

Ein randloses Panel hat keinen Rahmen: Die Zeichnung steht frei im Weiss der Seite. Das nimmt dem Bild die feste Zeit und den festen Ort und passt zu Stimmung, Erinnerung, einem stillen Gefühl. Umgekehrt kannst du ein Panel bis an den Blattrand laufen lassen, japanisch Tachikiri. Das öffnet die Seite und macht einen Moment gross. Rechne dabei drei bis fünf Millimeter Sicherheit ein, weil beim Drucken oder Kopieren immer etwas wegfällt.

Und dann der Klassiker: Eine Figur ragt aus ihrem Panel heraus. Der Teil ausserhalb des Rahmens rückt nach vorn, direkt zum Leser. Damit das funktioniert, darf hinter der ausbrechenden Hand oder dem Kopf nichts Wichtiges liegen – gib ihr ein Stück leeren Zwischenraum.

Einstellungsgrössen wechseln

Beginne eine Szene mit einer Totalen, damit klar ist, wo wir sind. Dann halbnah für Handlung und Körpersprache, dann eine Grossaufnahme für das Gefühl, vielleicht ein Detail: eine Hand, ein Blick, ein fallender Schlüssel. Die Regel dahinter ist einfach: Zwei gleich grosse Einstellungen hintereinander machen die Seite langweilig. Wenn deine Seite flach wirkt, liegt es fast immer daran und nicht am Strich. Gib jeder Seite zusätzlich ein Panel, das deutlich grösser ist als alle anderen. Es sagt dem Auge: Hier ist der wichtigste Moment.

Erst klein denken

Seiten werden als Daumenskizze geplant, japanisch Name, gesprochen "ne-mu": winzige Kästchen von sechs bis acht Zentimetern, Figuren als Strichmännchen, Blasen als Kringel. In zwei Minuten pro Seite siehst du, ob der Leseweg läuft. Fahre ihn mit der Bleistiftspitze nach – rechts oben, Blase, Blase, nach links, eine Reihe tiefer. Stockt es, verschiebst du Kästchen und nicht fertige Zeichnungen. Das ist der billigste Moment, Fehler zu finden.

Übung

Nimm ein A5-Blatt, zieh mit Bleistift einen Rand von einem Zentimeter und teile die Fläche in fünf oder sechs Panels – in japanischer Leserichtung. Erzähle eine kurze Szene: Zwei Figuren treffen sich zufällig auf der Strasse. Alles bleibt Thumbnail, also klein und roh, mit Strichmännchen.

Halte dich an diese Vorgaben: Panel 1 ist eine Totale, in der man den Ort erkennt. Irgendwo kommt eine Grossaufnahme eines Gesichts im Moment des Erkennens. Dazu ein schräges Panel für die Überraschung, ein randloses für einen stillen Moment und eine Figur, die einmal aus ihrem Rahmen ragt. Setz mindestens drei Sprechblasen mit Platzhalterlinien statt Text, richtig platziert für die Reihenfolge.

Schreib am Schluss in jede Panelecke die Nummer 1 bis 6 und zeichne mit dünnem Strich den Leseweg als Pfeillinie darüber. Zwanzig Minuten reichen dafür gut. Fotografiere das Blatt und zeig es deinem Coach: Die Nummern und der Pfeil sagen mehr über deine Seite als jede sauber ausgearbeitete Zeichnung.