Chroma Manga

Deine erste Manga-Seite

Du lernst, wie aus einer Idee in einem Satz über Name, Vorzeichnung, Tusche, Beta und Raster eine fertige Manga-Seite wird.

45 Min.

Acht Module lang hast du Einzelteile geübt: Köpfe, Augen, Strähnen, Figuren, Posen, die saubere Linie, Schwarz und Panels. Jetzt setzt du alles zusammen. Eine Manga-Seite entsteht nicht in einem Zug, sondern in klar getrennten Schritten, und genau das macht sie machbar. Wer versucht, gleichzeitig Geschichte, Komposition und Strich zu lösen, bleibt beim ersten Panel stecken.

Der Einfall in einem Satz

Bevor du irgendetwas zeichnest, schreib deine Idee in einen einzigen Satz auf den Rand eines Notizzettels. Zum Beispiel: «Eine Schülerin verpasst den letzten Zug und merkt, dass jemand ihr die ganze Zeit hinterhergelaufen ist.» Eine Figur, eine Handlung, eine kleine Wendung – mehr trägt eine einzelne Seite nicht. Wenn du drei Sätze brauchst, hast du eigentlich drei Seiten geplant, und die Seite wird überfüllt. Der Satz ist deine Messlatte: Alles, was ihm nicht dient, fliegt später raus.

Der Name

Name (gesprochen «na-me») ist das japanische Wort für das Storyboard: eine grobe Vorskizze der ganzen Seite, Panels als Kästchen, Figuren als Kreise und Striche, Text als echte Wörter in schnell hingekritzelten Blasen. Zeichne den Name klein, etwa handflächengross, damit du die Seite als Ganzes siehst und nicht in Details abrutschst. Fünf Minuten genügen, und sie entscheiden über den grössten Teil der Wirkung. Hier legst du fest, wie viele Panels du brauchst, welches davon der Höhepunkt ist und wo der Blick eintritt und austritt. Mach ruhig zwei oder drei Namen nebeneinander und wähle den besten aus.

Vorzeichnung

Jetzt das richtige Blatt: A4, glatt, etwa 120 bis 160 Gramm. Zuerst ziehst du die Panelrahmen mit Lineal und hartem Bleistift. Lass zwischen nebeneinanderliegenden Panels nur etwa drei bis fünf Millimeter Steg, zwischen den Zeilen aber acht bis zwölf – so liest das Auge automatisch erst die Zeile zu Ende, bevor es nach unten springt. Danach die Figuren, sehr leicht, mit Achse und Grundformen wie in Modul 4. Denk schon jetzt an die Sprechblasen und lass oben in den Panels Platz frei, sonst klebt der Text später auf Gesichtern.

Tusche

Tusche die Panelrahmen zuerst, dann die Figurenkonturen, dann die Binnenlinien, zuletzt den Hintergrund. Arbeite dich von oben links nach unten rechts vor, wenn du Rechtshänderin oder Rechtshänder bist – so liegt deine Hand nie auf frischer Tinte. Fineliner und G-Feder (eine biegsame Stahlfeder, die auf Druck breiter wird) lassen sich mischen: Feder für Figuren, Fineliner für Rahmen und Hintergrund. Lass alles mindestens zehn Minuten trocknen, bevor du die Bleistiftlinien wegradierst.

Beta

Beta nennt man die flächigen Schwarzflächen: Haare, eine dunkle Uniform, ein Nachthimmel, ein Schatten unter der Treppe. Zieh die Kante mit einer feinen Spitze sauber vor und füll die Fläche dann mit Pinselstift oder Pinsel. Faustregel: mindestens eine schwarze Fläche pro Panel, sonst zerfällt die Seite in graues Liniengeflecht. Kneif zwischendurch die Augen zusammen – siehst du auch unscharf noch eine klare Verteilung von Schwarz, Weiss und Linie, stimmt es.

Raster und Lettering

Raster oder Screentone ist selbstklebende Folie mit Punktmuster, die du auflegst, grob zuschneidest und mit dem Cutter an den Konturen entlang wegschneidest. Ein Bogen kostet etwa CHF 4 bis 6. Genauso gut funktioniert Schraffur mit dem Fineliner. Egal womit: Bleib bei zwei Tonwerten, einem mittleren und einem hellen, sonst wird die Seite matschig.

Beim Lettering schreibst du den Text zuerst leicht mit Bleistift, zeichnest die Blase drumherum und tuschst danach. So passt der Text immer in die Blase und nicht umgekehrt. Halte die Buchstabengrösse über die ganze Seite konstant und setz die Blasen in Leserichtung – bei japanischer Leserichtung rechts oben zuerst, bei westlicher links oben.

Die Checkliste vor dem Schlussstrich

Vier Fragen, bevor du die Seite für fertig erklärst. Ist die Leserichtung eindeutig, also führen Panelgrössen, Blasen und Blickrichtungen den Blick ohne Stocken? Sind deine Figuren von Panel zu Panel wiedererkennbar, an Frisur, Silhouette und Augenform? Gibt es ein deutlich grösseres Panel, das den Höhepunkt trägt, damit die Seite eine Spitze hat statt sechs gleich laute Momente? Und stehen Schwarz, Grau und Weiss im Gleichgewicht, ohne dass eine Ecke der Seite absäuft oder leer wirkt?

Übung

Du hast 45 Minuten für eine komplette Seite mit vier bis sechs Panels. Plane so: fünf Minuten für Einfall und Name, zehn für die Vorzeichnung, fünfzehn für die Tusche, zehn für Beta und Raster, fünf für Lettering und Kontrolle. Fotografiere dabei vier Zwischenstände – den Name, die fertige Bleistiftseite, die getuschte Seite und das Endergebnis – und zeig sie deinem Coach. So sieht man, an welchem Schritt du Zeit verlierst und wo deine Seite stark wird.