Chroma Manga

Die Chibi-Version

Du lernst, deine Figur auf zwei bis drei Kopfhöhen einzudampfen, ihre wichtigsten Merkmale zu übertreiben und Chibis genau dort einzusetzen, wo eine Szene Komik, eine Pause oder einen Gefühlsausbruch braucht.

15 Min.

Deine Figur hat inzwischen eine Silhouette, ein Charakterblatt und ein Outfit. Jetzt schrumpfen wir sie – und zwar radikal. Die Chibi-Version ist kein niedliches Nebenprodukt, sondern ein harter Test: Was von deiner Figur übrig bleibt, wenn nur noch drei Kopfhöhen Platz sind, das ist ihr Kern. Chibi heisst im Japanischen umgangssprachlich so viel wie "kurz, klein"; im Manga läuft dieser Stil auch unter super deformed, kurz SD.

Zwei bis drei Köpfe gross

Proportionen misst man in Kopfhöhen: Wie oft passt der Kopf in die gesamte Körperhöhe? Ein erwachsener Mensch kommt auf etwa siebeneinhalb, eine normale Mangafigur auf sechs bis sieben. Ein Chibi hat zwei bis drei. Bei zwei Köpfen wirkt die Figur wie ein Spielzeug, extrem süss, aber kaum noch beweglich. Bei drei Köpfen bleiben Posen und ein bisschen Kleidungsdetail lesbar. Für den Anfang fährst du mit zweieinhalb am besten.

Der Rest ist schnell verteilt: Unter dem riesigen Kopf sitzt ein kurzer, gedrungener Rumpf, darunter Beine, die etwa gleich lang sind wie der Rumpf. Der Hals verschwindet fast vollständig – der Kopf sitzt direkt auf den Schultern. Zeichne die Körperachse trotzdem leicht geschwungen, sonst steht dein Chibi da wie ein Brett.

Der Kopf macht die Arbeit

Im Chibi-Gesicht sitzen die Augen tief, unterhalb der Mitte der Kopfform. Alles darüber ist Schädel und Haar, und genau diese grosse leere Stirnpartie erzeugt den Baby-Effekt. Die Augen werden gross und einfach, die Nase schrumpft auf einen Punkt oder fällt ganz weg, der Mund ist klein – darf aber bei Bedarf riesig aufreissen. Wangen rund, Kinn ohne Spitze: Wenn deine Figur normalerweise ein kantiges Kinn hat, weichst du es hier auf.

Ein Merkmal aus dem Gesicht nimmst du mit, damit man die Figur wiedererkennt: die Augenform, die Augenbrauenneigung, ein Muttermal, eine Narbe. Mehr nicht.

Hände und Füsse: weniger ist lesbar

Hände werden zu Fäustlingen, also runden Klumpen, bei denen der Daumen höchstens als kleine Einkerbung angedeutet ist. Finger zeichnest du nur, wenn die Geste sie braucht – etwa beim Zeigen oder beim Victory-Zeichen – und dann höchstens drei. Füsse sind Keile oder Bohnen ohne Knöchel; der Schuh wird zu einer einzigen Form mit vielleicht einer Sohlenlinie. Arme und Beine sind sich verjüngende Schläuche ohne Ellbogen- und Knieanatomie. Das klingt nach Faulheit, ist aber Präzision: Auf sechs Zentimetern Bildhöhe verwandelt sich jedes Fingergelenk in Matsch.

Übertreiben, was die Figur ausmacht

Die Wiedererkennung läuft über die Silhouette, und die trägt vor allem das Haar. Ein abstehender Strubbel wird noch höher, ein Zopf dicker, ein langer Pferdeschwanz im Verhältnis noch länger. Dasselbe gilt für das eine Accessoire, das deine Figur definiert – Brille, Schal, Kopfhörer, Kappe: Zeichne es rund eineinhalbmal so gross, wie es proportional wäre.

Alles andere fliegt raus. Nähte, Knöpfe, Gürtelschlaufen, Faltenwürfe, Taschenstickereien. Eine brauchbare Faustregel: Ist ein Detail kleiner als ein Auge, wird es zu einem einzigen Strich oder verschwindet. Aus einem karierten Rock wird ein Rock mit zwei Linien.

Wann Chibi im Manga eingesetzt wird

Drei Situationen. Erstens Komik: Mitten in einer normal gezeichneten Szene rutscht eine Figur für ein Panel in den Chibi-Stil, und der Gag sitzt – besonders wirksam bei Figuren, die sonst ernst und cool auftreten. Zweitens die Pause: In Bonusstrips, Vierbild-Strips am Kapitelende oder in Randnotizen der zeichnenden Person laufen Chibis durch, weil dort kein dramatischer Anspruch herrscht. Drittens der Gefühlsausbruch: Wut, Panik, Hunger, Verlegenheit. Gefühle, die so gross sind, dass eine realistisch proportionierte Figur sie nicht tragen kann, bekommen im Chibi endlich Platz – mit Tränenbächen, Dampf aus den Ohren, Schweisstropfen.

Die Leserschaft akzeptiert diesen Wechsel mitten in der Szene ohne Erklärung, und im nächsten Panel bist du wieder bei normalen Proportionen. Nur eines solltest du lassen: Chibi in einem echten Dramamoment. Der Stil nimmt jeder Spannung sofort die Luft raus.

Tinte: dicker Strich, weniger Linien

Für die Tuschelinie nimmst du einen gröberen Fineliner als sonst, etwa 0.5 für die Aussenkontur und 0.3 für innen. Dünne Linien auf kleinen Figuren ergeben ein graues Gekrissel. Halte die Konturen geschlossen und die Innenzeichnung minimal. Bei dunklen Haaren lohnt sich Beta, also eine vollflächig mit Tusche gefüllte schwarze Fläche: Eine kompakte schwarze Haarmasse liest sich in dieser Grösse viel besser als zwanzig einzelne Strähnen. Screentone – selbstklebende Rasterfolie mit Punktmuster für Grautöne – brauchst du hier meist gar nicht; die meisten Chibis funktionieren völlig ohne Schattierung.

Übung

Zeichne deine Figur dreimal als Chibi nebeneinander auf ein A4-Blatt, jeweils etwa sechs bis acht Zentimeter hoch, mit zweieinhalb Kopfhöhen. Drei Gefühle: Freude (Sprung, Arme hoch, Augen als Bögen), Wut (aufgeblasene Wangen, heruntergezogene Brauen, kleine Fäuste) und Schock oder Trauer (grosse Augen, hängende Schultern, Tränen). Plane pro Figur zwei Minuten Bleistiftskizze und zwei Minuten Tinte. Haar und ein Accessoire müssen in allen drei Versionen dabei sein. Fotografiere das Blatt und zeig es deinem Coach – die entscheidende Frage lautet: Erkennt man ohne Beschriftung, dass es dieselbe Figur ist?