Chroma Manga

Kleidung, Accessoires, Farben

Du lernst, wie Kleidung und ein einziges Markenzeichen die Geschichte deiner Figur erzählen – und wie du eine Palette aus höchstens vier Farben baust, die auch in Schwarzweiss lesbar bleibt.

20 Min.

Deine Figur hat eine Silhouette und ein Charakterblatt. Jetzt ziehst du sie an – und das ist kein Dekorieren, sondern Weitererzählen. Kleidung sagt in einer halben Sekunde, woher jemand kommt, wie viel Geld er hat und wie er zu Regeln steht. In dieser Lektion baust du drei Outfits, suchst ein Markenzeichen und legst eine Palette fest, die auf einem Cover funktioniert und auf der Schwarzweiss-Seite nicht zusammenfällt.

Kleidung erzählt Herkunft

Drei Dinge tragen die Information: Schnitt, Material, Zustand. Der Schnitt verändert die Silhouette, an der du in Modul 1 gearbeitet hast. Ein steifer Stehkragen, gerade Schultern und eine geschlossene Jacke sprechen von Institution, Dienst und Regeln. Ein weites Hemd über ausgebeulter Hose sagt: selbst zusammengestellt, bequem, vielleicht vom älteren Bruder geerbt. Prüfe jedes Outfit im Gegenlicht deiner eigenen Augen – halte das Blatt auf Armlänge weg. Erkennst du die Figur immer noch an ihrem Umriss, stimmt der Schnitt.

Material zeichnest du über Falten. Ein dicker Wollmantel wirft wenige, grosse, weiche Falten. Dünne Baumwolle wirft viele kleine, spitze. Leder knickt kantig und hat helle Glanzkanten. Falten entstehen nur dort, wo der Körper sich beugt – Schulter, Ellbogen, Hüftbeuge, Knie – und dort, wo Stoff hängt oder gegürtet wird. Dazwischen bleibt die Fläche leer. Der häufigste Anfängerfehler sind Falten überall: das Bild rauscht, und der Blick findet kein Gesicht mehr.

Der Zustand ist das billigste und stärkste Erzählmittel. Ein geflickter Saum, abgestossene Schuhkappen, ein hochgekrempelter Ärmel, ein Reissverschluss, der nie ganz zugeht. Wähle drei solche Details und zeichne sie in jedem Bild gleich – dann werden sie zur Figur und nicht zum Zufall.

Das Markenzeichen

Ein einziges Accessoire kann eine Figur über hundert Seiten tragen: ein zu langer Schal, Kopfhörer um den Hals, eine Haarspange in Blitzform. Drei Kriterien entscheiden, ob es taugt. Erstens muss es in der Silhouette sichtbar sein, also über die Körperkontur hinausragen oder sie klar einkerben. Zweitens musst du es in drei Sekunden zeichnen können, sonst lässt du es irgendwann weg. Drittens sollte es auch von hinten und in der Chibi-Version erkennbar bleiben – Chibi ist die knuffige Kleinformat-Variante mit grossem Kopf, die in Modul 4 kommt.

Gib dem Markenzeichen eine Herkunft: geerbt, selbst geflickt, im Streit erbeutet. Dann hast du gratis eine Szene, in der es kaputtgeht. Zwei starke Accessoires sind das Maximum; ab dem dritten kämpfen sie gegeneinander.

Eine Leitfarbe pro Figur

Für Cover und Farbseiten gilt: begrenzte Palette schlägt grosse Auswahl. Nimm pro Figur eine Leitfarbe, eine Stützfarbe und eine Akzentfarbe, dazu Haut und Haar. Die Leitfarbe deckt grob sechzig Prozent der Kleidungsfläche, die Stützfarbe dreissig, der Akzent zehn – genau dort, wo der Blick hin soll, meist in Gesichtsnähe. Die Leitfarbe sollte zum Wesen der Figur passen, aber nicht illustrieren: Rostrot für jemanden, der warm und stur ist, Petrol für jemanden, der beobachtet, bevor er redet.

Nebenfiguren bekommen dann bewusst andere Leitfarben. Am einfachsten trennst du über Temperatur: Hauptfigur warm, Gegenspielerin kühl. Stehen beide im selben Bild, liest man sofort, wer wer ist, auch aus zwei Metern Abstand. Ein Set Farbstifte für zehn bis fünfzehn Franken reicht dafür völlig; du brauchst keine sechzig Töne, sondern vier, die du wirklich kennst.

In Schwarzweiss über Werte denken

Die meisten Mangaseiten sind Schwarzweiss, also muss deine Palette auch in Helligkeitsstufen funktionieren. Übersetze sie in drei Werte: Weiss ist einfach das Papier, Mittelgrau erzeugst du mit Schraffur oder Screentone – das ist eine selbstklebende Rasterfolie mit feinen Punkten, die aus Distanz als Grau wirkt –, und Schwarz setzt du als Beta, also als vollflächig ausgefüllte Tuschefläche. Beta gibt dem Bild Gewicht und funktioniert am besten als grosse, zusammenhängende Form, etwa Haar, Jacke oder Stiefel.

Die Probe ist simpel: Fotografiere deine Figur und schau dir das Bild mit zusammengekniffenen Augen an. Verschmelzen Haar, Schal und Jacke zu einem schwarzen Klumpen, musst du einen davon auf Grau oder Weiss legen. Hilfreich ist auch eine Linienhierarchie: Aussenkontur dick, Innenfalten dünn. Mit einer G-Feder, einer weichen Stahlfeder, die auf Druck breiter wird, bekommst du diesen Unterschied in einem Strich; mit zwei Finelinern in 0.5 und 0.1 ebenso gut.

Übung

Zeichne drei Outfits deiner Figur als kleine Ganzkörperfiguren, etwa acht Zentimeter hoch, auf ein Blatt: Alltag, Arbeit oder Kampf, und eine dritte Situation deiner Wahl – Regen, Fest, Schlafen. Nimm dir pro Outfit vier Minuten und achte darauf, dass dein Markenzeichen in allen dreien auftaucht, notfalls versteckt. Danach wählst du das stärkste Outfit aus, zeichnest es nochmals etwas grösser und kolorierst es mit höchstens vier Farben nach der Sechzig-dreissig-zehn-Regel. Zum Schluss markierst du am Rand mit drei kleinen Kästchen, welche Fläche im Schwarzweiss-Druck Weiss, Grau und Beta würde. Fotografiere das Blatt und zeig es deinem Coach.