Chroma Manga

Das Charakterblatt

Du lernst, wie du deine Figur auf einem einzigen Blatt so festhältst, dass sie in jedem Panel dieselbe bleibt.

25 Min.

Eine Figur, die dir einmal richtig gut gelungen ist, ist noch keine Figur, mit der du eine Geschichte erzählen kannst. Sobald du sie zum zweiten, zehnten, fünfzigsten Mal zeichnest, wandert die Frisur, der Kragen sieht anders aus, die Augen rutschen höher, und plötzlich stehen zwei verwandte Personen auf derselben Seite. Das Charakterblatt ist die Versicherung dagegen.

Was ein Charakterblatt ist

Ein Charakterblatt – international Model Sheet genannt, in japanischen Studios Settei (wörtlich "Festlegung") – ist ein einzelnes Blatt, auf dem deine Figur von mehreren Seiten, mit ihren wichtigsten Gesichtsausdrücken und mit ein paar schriftlichen Notizen versammelt ist. Es ist kein Schaustück zum Aufhängen, sondern ein Werkzeug. Du legst es beim Zeichnen neben dich und schaust hin, wenn du nicht mehr weisst, auf welcher Seite der Scheitel lag oder wie viele Knöpfe die Jacke hatte. Gezeichnet wird es mit Bleistift vor und mit Fineliner nach – klare Tuschelinien lassen sich später besser kopieren und als Referenz ablichten als eine weiche Bleistiftskizze.

Hilfslinien zuerst

Zieh dir mit Bleistift und Lineal sechs bis sieben waagrechte Linien quer über das Blatt: Scheitel, Kinn, Schulter, Taille, Hüfte, Knie, Boden. Alle Ganzkörperansichten stehen auf derselben Bodenlinie und enden an derselben Scheitellinie. Ohne diese Linien wird die Seitenansicht fast immer ein Stück kleiner als die Vorderansicht, und das Blatt taugt nicht mehr als Massstab.

Denk beim Abstand in Kopflängen, nicht in Zentimetern: Eine erwachsene Figur ist im Manga meist sieben bis acht Köpfe hoch, eine Teenagerfigur sechs bis sieben, ein Kind vier bis fünf. Trag die Kopflängen leicht am Rand ab, dann hast du gleich ein Raster für Schulter (etwa Kopf zwei), Taille (Kopf drei) und Hüfte (knapp Kopf vier).

Vorne, Seite, Rücken

Stell deine Figur entspannt hin, Arme leicht vom Körper weg, Handflächen sichtbar, Füsse etwa schulterbreit. Keine coole Pose, keine Verkürzung – hier geht es um Information, nicht um Wirkung. Die Vorderansicht klärt Proportionen und Gesicht, die Seitenansicht zeigt die Linie von Nase, Brust, Gesäss und Ferse sowie das Volumen der Frisur, und die Rückansicht ist die, die fast alle vergessen und die man dann in jeder Verfolgungsszene braucht: Nackenhaare, Zopfband, Kragenrückseite, Rückennaht, Rucksack.

Zieh die Konturen mit einem Fineliner 0.3 nach und nimm 0.1 für Innenlinien wie Falten und Gesichtszüge. Wenn deine Figur dunkles Haar hat, kannst du es mit Beta füllen – so heisst im Manga eine vollständig schwarz getuschte Fläche. Entscheide das jetzt, denn ab jetzt gilt es für alle Panels.

Der Kopf in drei Ansichten

Zeichne den Kopf zusätzlich grösser, etwa handtellergross, in drei Ansichten: frontal, Dreiviertel und Profil. Leg in jeden Kopf ein Kreuz aus Mittelachse und Augenlinie und führe die Augenlinie, die Nasenspitze und die Kinnlinie waagrecht durch alle drei Köpfe durch. Im Dreiviertel wölbt sich die Mittelachse zur abgewandten Seite, das entferntere Auge wird schmaler, die Wangenlinie schneidet in die Kontur. Das Ohr sitzt in allen Ansichten zwischen Augenbrauen- und Nasenhöhe. Diese drei Köpfe sind der Teil des Blattes, den du später am häufigsten anschaust.

Sechs Ausdrücke

Setz sechs kleine Köpfe in eine Reihe: neutral, Freude, Wut, Überraschung, Trauer – und einen sechsten, der nur dieser Figur gehört. Das schiefe Grinsen, der müde Blick, das falsche Höflichkeitslächeln. Genau dieser sechste macht aus einem Gesicht eine Person. Ändere pro Ausdruck vor allem Brauen und Mund; die Augenform hältst du möglichst konstant, sonst wirkt es wie eine andere Figur.

Zwei typische Posen

Zuletzt zwei kleine Ganzkörperposen, handflächengross: eine Alltagspose – wie steht oder sitzt deine Figur, wenn sie wartet und niemand zuschaut – und eine Aktionspose, die zu ihrer Rolle passt. Die Alltagspose verrät mehr über den Charakter als jede dramatische Szene, weil sie Haltung, Gewicht und Gewohnheit zeigt.

Notizen am Rand

Schreib an den Rand, was man nicht zeichnen kann: Körpergrösse in Zentimetern und in Kopflängen, Alter, drei Eigenheiten in Stichworten, und vor allem die Details, die man verwechselt – Scheitel links, Narbe über der rechten Braue, Uhr am linken Handgelenk, immer zu grosse Ärmel.

Was dir das spart

Eine kurze Rechnung: Zwanzig Seiten mit je sechs Panels ergeben schnell hundert Zeichnungen deiner Figur. Jede Entscheidung, die du einmal auf dem Blatt triffst, musst du nicht hundertmal neu treffen – und du korrigierst nicht mitten in der Arbeit an Seite zwölf, weil der Kragen anders geworden ist. Wiedererkennbarkeit entsteht nicht durch schöne Zeichnungen, sondern durch Konstanz.

Übung

Nimm ein Blatt A4 quer (A3 ist noch angenehmer) und stell dir 25 Minuten. Drei Minuten für die Hilfslinien und die Kopflängen-Skala. Neun Minuten für Vorder-, Seiten- und Rückansicht deiner Figur aus Modul 1, je drei Minuten, nur Bleistift. Vier Minuten für die drei grossen Köpfe, fünf Minuten für die sechs Ausdrücke, drei Minuten für die zwei Posen als kleine Skizzen. Die letzte Minute gehört den Notizen am Rand. Zieh danach, wenn noch Zeit bleibt, mindestens die Vorderansicht mit Fineliner nach. Fotografiere das ganze Blatt flach von oben, sodass alle Ansichten und deine Notizen lesbar sind.