Chroma Manga

Silhouette und Formsprache

Du lernst, wie Grundformen den Charakter einer Figur bestimmen und wie du deine Figur so baust, dass man sie allein an ihrer schwarzen Silhouette erkennt.

15 Min.

Bevor du das erste Gesicht zeichnest, entscheidest du etwas Wichtigeres: die Form deiner Figur. Wer eine Figur nur an ihrem schwarzen Umriss erkennt, hat sie gut entworfen – alles andere, Augen, Falten, Muster, kommt später dazu. In dieser Lektion arbeitest du deshalb ausschliesslich mit Tusche und Fläche, ohne Details. Das geht schnell, es geht am Küchentisch, und es zeigt dir in fünfzehn Minuten mehr über deine Figur als eine Stunde Gesichtsdetails.

Drei Formen, drei Gefühle

Unser Auge verbindet Formen mit Eigenschaften, noch bevor wir bewusst hinschauen. Runde Formen wirken freundlich, weich, harmlos und oft jünger: eine kugelige Frisur, runde Schultern, ein bauchiger Rucksack. Das ist die Form für gutmütige, offene oder tollpatschige Figuren. Quadratische und rechteckige Formen wirken stabil, schwer und verlässlich, manchmal auch stur. Breite Schultern, ein kantiger Kiefer, ein gerade geschnittener Mantel – so baust du den ruhigen Beschützer oder den Lehrer, der keinen Widerspruch duldet.

Dreiecke und Spitzen wirken gefährlich oder dynamisch. Alles, was anspitzt, erzeugt Spannung: eine Frisur mit scharfen Strähnen, ein hochgestellter Kragen, ein Umhang, der unten in Zacken ausläuft. Steht das Dreieck auf der Spitze – breite Schultern, schmale Hüfte – wirkt die Figur kampfbereit und instabil zugleich, also bereit loszurennen. Steht es auf der Basis, wirkt sie wie ein Fels.

Eine Form soll führen

Interessant wird es, wenn eine Form klar dominiert und eine zweite dagegenhält. Ein rundlicher Körper mit spitzer Frisur liest sich anders als ein spitzer Körper mit rundem Kopf: Im ersten Fall ahnst du einen harmlosen Menschen mit gefährlichem Kern, im zweiten eine bedrohliche Erscheinung mit weichem Inneren. Entscheide dich also bewusst für eine Hauptform für rund zwei Drittel der Figur und setze den Rest als Gegenpunkt. Wenn alles gleich stark gemischt ist, entsteht Brei – dann sieht deine Figur aus wie jede andere.

Der Silhouettentest

Fülle deinen Entwurf komplett schwarz. Im Manga heisst so eine geschlossene schwarze Fläche Beta: flächiges Schwarz, das mit Pinsel oder breiter Spitze gesetzt wird. Wenn die Figur jetzt noch erkennbar und eindeutig ist, trägt der Entwurf. Drei Stellschrauben helfen dir dabei.

Die Frisur macht meist den grössten Teil des oberen Umrisses aus, also gib ihr eine klare, merkbare Form statt vieler kleiner Strähnen: ein Block, zwei hohe Zöpfe, eine einzige lange Spitze. Die Kleidung liefert die Aussenkante des Körpers – ein wehender Mantelsaum, ein dicker Schal, ein ausgestellter Rock verändern die Silhouette viel stärker als jedes Muster. Und die Haltung entscheidet über den Rest: Ein schiefer Stand, ein vom Körper abgespreizter Arm oder eine Hand in der Hüfte erzeugt Zwischenräume. Genau diese Löcher zwischen Arm und Rumpf machen eine schwarze Fläche lesbar. Eine Figur, die stramm mit angelegten Armen dasteht, wird als Silhouette fast immer zur Wurst.

Womit du das Schwarz setzt

Du brauchst wenig: einen Bleistift für den ganz leichten Umriss, einen Fineliner um 0.5 für die Kante und etwas Breites zum Füllen – einen Pinselstift oder einen schwarzen Marker für rund CHF 5 bis 8. Eine G-Feder, also die flexible Stahlfeder, mit der man im Manga Linien von hauchdünn bis fett zieht, brauchst du hier noch nicht; sie kostet mit Halter etwa CHF 12 bis 18 und kommt in einem späteren Modul dran. Halte die Figuren klein, etwa acht Zentimeter hoch, dann ist jede Fläche in zwanzig Sekunden gefüllt.

Sechs Entwürfe statt einer

Deine erste Idee ist fast immer die naheliegendste und damit die durchschnittlichste. Deshalb zeichnest du gleich sechs. Variiere dabei nicht die Details, sondern die Grundform: einmal sehr rund, einmal streng eckig, einmal spitz, einmal extrem schmal, einmal mit viel Stoffvolumen unten, einmal mit einem einzigen auffälligen Element wie einem riesigen Kragen. Wenn zwei Silhouetten nebeneinander gleich aussehen, hast du eine verschenkt – dann übertreibe bei der nächsten stärker.

Auswählen

Häng die sechs Entwürfe an die Wand oder leg sie auf den Boden und geh zwei Meter zurück. Frag dich: Welche erkenne ich aus dieser Distanz sofort wieder? Welche könnte ich jemandem beschreiben, ohne ins Detail zu gehen? Und welche Form passt zu der Figur, die du eigentlich erzählen willst? Genau diese eine nimmst du ins nächste Modul mit, wo du daraus ein Charakterblatt baust.

Übung

Falte ein A4-Blatt einmal längs und zweimal quer, sodass du sechs Felder hast. Stell einen Timer auf 90 Sekunden pro Feld. Zeichne in jedem Feld eine stehende Figur von rund acht Zentimetern Höhe – zuerst ganz leicht mit Bleistift nur den Umriss, dann komplett schwarz ausgefüllt, ohne jede Innenzeichnung, ohne Gesicht. Jede Figur muss eine andere Grundform dominieren lassen und eine andere Haltung haben. Danach gehst du zwei Meter zurück, markierst deinen Favoriten mit einem Kreuz und schreibst ein einziges Wort daneben, das seine Hauptform benennt. Fotografiere das ganze Blatt mit allen sechs Feldern und zeig es deinem Coach.