Chroma Manga

Zwei Figuren in einer Szene

Du lernst, wie du zwei Figuren über Grösse, Blickrichtung, Körpersprache und Überschneidung zu einer glaubwürdigen Begegnung verbindest und das Ganze in einem sauber getuschten Panel festhältst.

30 Min.

Bis jetzt hatte deine Figur die Seite für sich: Silhouette, Charakterblatt, Kleidung, Chibi-Version. Sobald eine zweite Figur dazukommt, ändert sich die Aufgabe grundlegend. Es geht nicht mehr darum, wie gut du eine Person zeichnest, sondern darum, was zwischen den beiden passiert. Ein Panel – so heisst ein einzelnes Bildfeld auf einer Manga-Seite – erzählt eine Begegnung, und die Mittel dafür sind erstaunlich handfest: Grösse, Blick, Haltung, Überschneidung, Helligkeit.

Grössenunterschied ist schon halbe Charakterisierung

Zwei Figuren, die exakt gleich hoch sind, wirken im Bild unentschieden. Das Auge sucht nach einem Unterschied und findet keinen. Plane deshalb bewusst einen Abstand ein: Ein halber Kopf Unterschied ist die untere Grenze, ab der man es wirklich liest, eineinhalb Köpfe wirken deutlich, drei Köpfe werden zur Aussage. Wer grösser ist, bekommt automatisch den Anschein von Autorität – ausser du kippst das um, indem die grosse Figur die Schultern hochzieht, den Kopf einzieht und sich klein macht, während die kleinere aufrecht steht. Genau dieser Widerspruch ist oft interessanter als die Schulterhöhe selbst.

Denk daran, dass Grösse im Bild nicht nur von der Körpergrösse kommt. Eine Figur, die näher bei der Kamera steht, wird grösser abgebildet, auch wenn sie im Raum kleiner ist. Entscheide vorher, welche der beiden Wirkungen du willst.

Blicke bauen die unsichtbaren Linien

Die Blickrichtung ist die stärkste Linie im Panel, obwohl du sie nie zeichnest. Schauen beide einander an, entsteht ein geschlossener Kreis: Gespräch, Streit, Geständnis. Schaut nur eine Figur, die andere weg, hast du sofort ein Gefälle – Verlegenheit, Schuld, Desinteresse. Blicken beide in dieselbe Richtung aus dem Bild hinaus, denkt man an ein gemeinsames Ziel oder an etwas, das gerade auf sie zukommt.

Lass vor dem Blick etwas Platz. Wenn eine Figur nach rechts schaut und der Panelrand direkt an ihrer Nase klebt, wirkt das Bild verstopft. Der Raum in Blickrichtung darf grösser sein als der Raum hinter dem Hinterkopf.

Körpersprache zueinander

Achte auf drei Dinge: Körperachse, Schultern und Füsse. Zwei leicht gegeneinander gekippte Achsen erzeugen Spannung, zwei parallele wirken ruhig und vertraut. Offene Schultern zeigen Zuwendung, eine gedrehte Schulter hält Distanz. Und die Füsse verraten die Wahrheit: Wer mit dem Oberkörper zugewandt steht, aber die Fussspitzen zur Seite richtet, will eigentlich weg. Der Abstand selbst erzählt ebenfalls mit – eine Handbreit zwischen zwei Körpern ist Nähe, eine ganze Figurenbreite ist Höflichkeit, zwei sind Kälte.

Überschneidung schafft Tiefe

Stelle deine Figuren nie so nebeneinander, dass sich die Konturen nur berühren. Entweder lässt du klar Luft dazwischen oder du überschneidest deutlich, ruhig um ein Drittel der Körperbreite. Die vordere Figur bekommt beim Tuschen die kräftigere Aussenlinie – etwa 0.5 Millimeter gegen 0.1 für die hintere. Diese eine Massnahme trennt die beiden im Kopf des Lesers sofort, noch bevor er über den Inhalt nachdenkt.

Gemeinsamer Boden, gemeinsame Horizontlinie

Hier passiert der häufigste Fehler: Die zweite Figur schwebt. Zeichne zuerst die Horizontlinie ein, also die Augenhöhe der Kamera. Stehen beide Figuren auf ebenem Boden und ist die Kamera auf Augenhöhe eines Erwachsenen, dann liegen die Augen aller gleich grossen Figuren auf dieser Linie – ganz egal, ob sie zwei oder zwanzig Meter entfernt stehen. Ist eine Figur zwei Köpfe kleiner, liegen ihre Augen immer um denselben Betrag unter der Linie, in der Ferne genauso wie nah. Die Entfernung erkennst du an den Füssen: Wer näher bei dir steht, hat die Füsse tiefer im Bild. Zeichne unter beide Figuren wenigstens einen kleinen Schlagschatten, sonst kleben sie wie Aufkleber auf dem Papier.

Kontrast in Formsprache und Werten

Jetzt kommt die Formsprache aus dem ersten Modul zurück. Runde Grundformen neben eckigen, eine breite Silhouette neben einer schmalen, kurze Haare neben einer grossen Haarmasse – so bleiben die beiden auch als reine Schwarzflächen unterscheidbar. Dasselbe gilt für die Helligkeit. Gib einer Figur dunkle Kleidung oder dunkle Haare als Beta, also als flächig ausgefülltes Schwarz, und halte die andere hell mit nur wenigen Linien. Für Mitteltöne hättest du im Druck Screentone, eine selbstklebende Rasterfolie mit Punktmuster, die Grau simuliert; mit Tusche auf Papier ersetzt du sie einfach durch eine gleichmässige Schraffur.

Die Regel, die alles zusammenhält: An der Kante, an der sich die Figuren überschneiden, dürfen nicht zwei gleich dunkle Flächen aufeinandertreffen. Dunkel trifft hell, sonst verschmelzen die beiden Körper zu einem Klumpen.

Übung

Zeichne ein Panel von etwa zwölf mal neun Zentimetern mit sauberem Rahmen. Nimm dir zuerst fünf Minuten für drei kleine Daumennagelskizzen von je vier mal fünf Zentimetern und probiere drei Konstellationen: beide schauen sich an, eine schaut weg, beide schauen in dieselbe Richtung. Wähle die stärkste aus. Dann zehn Minuten Bleistiftaufbau im grossen Panel: erst die Horizontlinie, dann die Augenhöhen, dann die Körper mit klarer Überschneidung und einem Grössenunterschied von mindestens einem halben Kopf. Zehn Minuten tuschen, vordere Figur mit dickerer Kontur. Die letzten fünf Minuten gehören Beta und Schraffur, damit eine Figur dunkel und eine hell bleibt. Fotografiere das fertige Panel und zeig es deinem Coach.