Chroma Manga

Posen und Kleidung

Du lernst, Figuren über eine Actionline in lebendige Posen zu bringen und Kleidung so zu zeichnen, dass die Falten der Bewegung folgen.

20 Min.

Eine Figur kann perfekt proportioniert sein und trotzdem wie eine Schaufensterpuppe wirken. Der Unterschied liegt selten in den Details, sondern fast immer darin, ob im Körper eine Bewegung steckt. In dieser Lektion baust du Posen von innen nach aussen auf: zuerst die Bewegung, dann der Körper, ganz zum Schluss der Stoff.

Die Actionline zuerst

Bevor du Kopf, Schultern oder Beine zeichnest, ziehst du eine einzige Linie: die Actionline. Sie läuft vom Kopf durch den Oberkörper bis zum Standfuss und beschreibt in einem Zug, was die Figur tut. Nimm dir dafür wirklich nur zwei, drei Sekunden und zieh sie locker aus dem Handgelenk, nicht zaghaft aus den Fingern.

Wichtig ist, dass diese Linie gebogen ist. Ein C oder ein flaches S trägt Bewegung, eine gerade Linie nicht. Manga übertreibt diese Kurve gern ein Stück weiter, als es anatomisch nötig wäre – lieber zu stark geschwungen als zu brav. Erst danach setzt du den Brustkorb und das Becken als vereinfachte Körper auf diese Linie, so wie du es im Modul zur Figur gelernt hast.

Standbein, Schultern, Hüfte

Sobald eine Figur steht, verteilt sie ihr Gewicht selten gleichmässig. Meistens trägt ein Bein, das andere ist entlastet. Auf der Seite des Standbeins wird die Hüfte nach oben gedrückt, die Schulter derselben Seite sinkt dagegen ab. Schulterlinie und Hüftlinie kippen also gegeneinander – dieses Gegenspiel ist der einfachste Trick, um aus einem Standbild eine Haltung zu machen.

Zur Kontrolle gibt es eine Faustregel: Lass gedanklich ein Lot von der Halsgrube senkrecht nach unten fallen. Es sollte ungefähr auf dem Standfuss landen. Tut es das nicht, kippt deine Figur, und genau dieses Gefühl merkt man einer Zeichnung sofort an, auch wenn man nicht benennen kann, woran es liegt.

Vier Posen, die du immer wieder brauchst

Die Kampfhaltung lebt vom tiefen Schwerpunkt: Füsse weiter auseinander als die Schultern, Knie leicht gebeugt, Gewicht zwischen den Beinen. Dreh die Schultern schräg zur Betrachterin, sodass eine Schulter vorn ist, und setz die Hände auf unterschiedliche Höhe. Das Kinn geht leicht nach unten, der Blick nach vorn.

Beim Sprung trägt niemand Gewicht, und das darfst du zeigen. Die Actionline wird zu einem langen, gespannten Bogen, die Beine ziehen an oder stossen ab, die Arme öffnen sich. Haare und Kleidung hinken der Bewegung immer einen Moment hinterher – sie fliegen also nach hinten, nicht in Sprungrichtung.

Die verlegene Haltung ist das Gegenteil: Der Körper macht sich klein. Die Schultern ziehen nach oben und vorn, der Brustkorb sinkt leicht ein, die Knie drehen nach innen, die Hände suchen Kontakt am eigenen Körper oder am Ärmel. Der Kopf neigt sich, der Blick geht seitlich weg.

Die Rückenansicht mit Blick über die Schulter funktioniert nur mit Drehung. Der Kopf kann sich gegenüber den Schultern höchstens etwa achtzig Grad drehen, den Rest muss der Oberkörper übernehmen. Zeichne die Wirbelsäule als leichtes S, dreh die Schultern ein Stück mit und lass die Hüfte dagegenhalten.

Verkürzung für mehr Tiefe

Verkürzung, im Englischen Foreshortening, heisst: Was auf dich zukommt, wird kurz und breit statt lang und schlank. Eine Faust, die zur Betrachterin gestossen wird, ist gross, der Unterarm dahinter schrumpft zu einer kurzen Röhre, der Oberarm verschwindet fast ganz.

Dein wichtigstes Werkzeug dabei sind Überschneidungen. Wenn die Hand den Unterarm überdeckt und die Schulter halb hinter dem Brustkorb liegt, liest das Auge sofort Tiefe – ganz ohne exakte Messerei. Hilfreich sind Ellipsen an den Gelenken, die dir zeigen, in welche Richtung die Röhre kippt. Diese Hilfslinien bleiben im Bleistift und werden später nicht mit Tusche nachgezogen.

Kleidung folgt dem Körper

Stoff hängt an Aufhängepunkten: Schultern, Brust, Hüfte, Ellenbogen, Knie. Zwischen zwei solchen Punkten entstehen Zugfalten, die wie ein Fächer vom ziehenden Punkt wegstrahlen. Wo Stoff gestaucht wird, etwa in der Ellenbeuge, hinter dem Knie oder über einem Gürtel, stapeln sich Stauchfalten als kurze, parallele Züge.

Bei der Schuluniform, japanisch Seifuku, zählt vor allem der Kragen: Der Matrosenkragen ist eine flache Platte, die der Rundung von Schulter und Rücken folgt. Das Halsband oder die Schleife hängt immer senkrecht nach unten, egal wie schräg der Körper steht – Schwerkraft schlägt Körperachse.

Ein Mantel ist schwer. Er wirft wenige, dafür grosse Falten und öffnet sich zum Saum hin glockenförmig. Beim Gehen bleibt der Saum hinter der Bewegung zurück. Zeichne zuerst die Silhouette, denn die trägt die Lesbarkeit, und setz erst dann zwei, drei Falten hinein.

Beim Faltenrock zeichnest du nicht Falte für Falte. Leg zuerst die Saumlinie als leicht gewellte Ellipse an, die im Zickzack läuft, und zieh dann die Falten vom Bund dorthin. Schwingt die Figur herum, schwingt der Rock verzögert hinterher. Für die Tusche gilt: Nur Falten ziehen, die eine Aufgabe haben – am Gelenk, am Zugpunkt, am Saum. Der Rest wäre Rauschen.

Übung

Teil eine Seite in zehn Felder. Zeichne mit Bleistift zehn Posen, je eine Minute, immer zuerst die Actionline, dann Brustkorb, Becken, Gliedmassen als einfache Formen. Nimm diese Reihenfolge: Kampfhaltung, Sprung, verlegene Haltung, Rückenansicht mit Blick über die Schulter, Gehen, Sitzen, Nach-oben-Greifen, Anlehnen, Knien und zuletzt eine Faust, die auf dich zukommt.

Danach suchst du dir zwei dieser Posen aus und arbeitest sie in je fünf Minuten mit Kleidung aus, eine mit Schuluniform samt Faltenrock, eine mit Mantel. Zieh nur die Falten mit Tusche nach, die zu einem Zug- oder Stauchpunkt gehören. Fotografiere das ganze Blatt mit allen zehn Feldern und zeig es deinem Coach.