Chroma Manga

Werkzeug und der Kopf

Du lernst, mit welchem Werkzeug du Manga zeichnest und wie du einen Kopf aus Kugel und Kinnkeil in jeder Drehung sicher konstruierst.

20 Min.

Manga zeichnen heisst zuerst: bauen, dann tuschen. Fast jeder Kopf, den du in einem Manga siehst, steht auf einer sehr einfachen Konstruktion – einer Kugel und einem Keil. Wenn du die sitzen hast, kannst du Gesichter drehen, neigen und in jede Panelgrösse setzen, ohne dass sie auseinanderfallen. In dieser Lektion richten wir erst deinen Arbeitsplatz ein und bauen dann den Kopf.

Was du zum Vorzeichnen brauchst

Für die Vorzeichnung reicht ein Bleistift in HB oder 2H. Härter ist besser als weicher: Eine 2B-Mine schmiert unter der Handkante und graut das Papier ein, und genau dieses Grau siehst du später unter der Tusche. Noch angenehmer ist ein blauer Minenstift, oft als Non-Photo-Blau verkauft. Hellblaue Linien verschwinden fast vollständig, wenn du die Zeichnung später scannst und den Kontrast hochziehst oder in Graustufen umwandelst – du musst dann gar nicht mehr radieren. Ein Knetgummi gehört trotzdem dazu: Er nimmt Linien auf, ohne die Papieroberfläche aufzurauen, und du kannst ihn zu einer Spitze formen, um an einer einzelnen Stelle aufzuhellen.

Tusche: Fineliner, Feder, Pinselstift

Der einfachste Einstieg sind Fineliner in drei Stärken. Mit 0.05 zeichnest du Haarspitzen und feine Falten, mit 0.3 das Gesicht und die meisten Innenlinien, mit 0.5 die Aussenkontur der Figur. Allein diese Abstufung lässt eine Seite schon viel professioneller wirken, weil das Auge Vorder- und Hintergrund trennen kann.

Wenn du später eine lebendigere Linie willst, kommen Federn ins Spiel. Die G-Feder ist eine flexible Stahlfeder, die du in einen Halter steckst und in Tusche tauchst; je stärker du drückst, desto breiter wird der Strich. So entstehen Linien, die anschwellen und wieder auslaufen – der typische Manga-Schwung. Die Maru-Feder (Rundfeder) ist feiner und härter und wird für Details wie Augen, Wimpern und dünne Haarlinien benutzt. Beides braucht Übung und eine ruhige Unterlage; für unterwegs bleibst du besser beim Fineliner. Dazu kommt ein Pinselstift mit flexibler Spitze für grosse schwarze Flächen – im Manga heissen sie Beta, also etwa «Vollschwarz». Rechne für Fineliner, Pinselstift, Feder mit Halter und ein kleines Fläschchen Tusche zusammen mit CHF 40 bis 60.

Papier – und dieselbe Logik digital

Tusche braucht eine glatte Oberfläche. Auf rauem Skizzenpapier franst jeder Strich aus und Federn hängen in den Fasern fest. Nimm glattes Bristolpapier mit etwa 180 bis 250 g/m² oder gleich Manga-Manuskriptpapier: Das ist Papier im Format B4 oder A4, auf dem in hellem Blau bereits zwei Rahmen vorgedruckt sind – der innere für alles Wichtige, der äussere als Reserve für den Beschnitt. Diese blauen Linien werden beim Scannen unsichtbar.

Digital gilt genau dieselbe Logik: eine blaue Ebene für die Konstruktion, darüber eine schwarze Ebene für die Tusche, und drei Pinselgrössen statt drei Finelinern. Nichts an dieser Lektion ändert sich, wenn du auf einem Tablet arbeitest.

Der Kopf: Kugel plus Kinnkeil

Zeichne einen Kreis – das ist der Hirnschädel. Schneide links und rechts eine flache Scheibe weg, damit die Schläfen entstehen; der Kreis wird dadurch zu einer Kugel mit zwei ebenen Seiten. Unten hängst du einen Keil an, der das Kiefer und das Kinn bildet. Seine Höhe beträgt ungefähr ein Drittel bis die Hälfte des Kugeldurchmessers. Mehr Keil heisst älter und männlicher, weniger Keil heisst jünger und kindlicher.

Mittellinie und Augenlinie

Jetzt kommen die zwei wichtigsten Linien. Die Mittellinie läuft senkrecht über die Kugel und durch den Keil bis zur Kinnspitze; sie sagt dir, wohin der Kopf schaut. Die Augenlinie läuft quer dazu, ungefähr auf halber Höhe des gesamten Kopfes, also meist am unteren Rand der Kugel. Beide Linien sind gebogen, nie gerade – sie liegen ja auf einer Kugel. Nase und Mund teilst du danach: Die Nase sitzt etwa mittig zwischen Augenlinie und Kinn, der Mund mittig zwischen Nase und Kinn, die Ohren zwischen Augen- und Nasenhöhe.

Frontal, drei Viertel, Profil

Im Frontalbild liegt die Mittellinie genau in der Mitte. Drehst du den Kopf ins Dreiviertel, wandert sie ein gutes Stück zur Seite und krümmt sich stärker; das abgewandte Auge wird schmaler, und die Nase ragt über die Gesichtskontur hinaus. Im Profil sitzt die Mittellinie ganz am Rand, der Keil zeigt nach vorn, und das Ohr rutscht in das hintere Drittel des Kopfes. Neigen funktioniert gleich: Kippst du den Kopf nach vorn, biegt sich die Augenlinie nach unten und du siehst mehr Schädel; kippst du ihn zurück, biegt sie sich nach oben und du siehst mehr Kinn und Nasenunterseite.

Das Kinn macht den Stil

Die gleiche Konstruktion trägt völlig verschiedene Stile. Im Shōjo-Manga, also in Geschichten, die sich an ein jugendliches weibliches Publikum richten, ist der Keil schmal und das Kinn fast spitz, die Augen sind gross und die Augenlinie liegt tiefer. Im Seinen-Manga für erwachsene Leser ist das Kiefer breiter und kantiger, die Augen kleiner, die Augenlinie höher. Ändere nur den Keil, und aus derselben Kugel wird eine andere Figur.

Übung

Teile ein Blatt mit leichten Bleistiftlinien in zwölf Felder, drei Reihen zu vier. Stell einen Timer auf zwölf Minuten, also etwa eine Minute pro Feld. Zeichne in jedes Feld einen Kopf – nur Kugel, Kinnkeil, Mittellinie und Augenlinie, keine Augen, keine Haare, kein Mund. Die ersten vier frontal mit unterschiedlicher Keilhöhe, die nächsten vier im Dreiviertel nach links und rechts, die letzten vier im Profil und geneigt, zwei nach vorn gekippt, zwei nach hinten. Fotografiere das Blatt und zeig es deinem Coach.

Merksätze

Hart vorzeichnen, weich tuschen: dünne Linien innen, dicke aussen. Die Mittellinie bestimmt die Drehung, die Augenlinie die Neigung – und beide sind immer gebogen. Der Stil sitzt nicht in der Kugel, sondern im Kinnkeil.